Mashad - die heiligste Stadt Irans, Wallfahrtsstätte des Schreins des achten schiitischen Imam Ali Reza (gest. 818 n. Chr.)
Unsere Begeisterung für Moscheen, Grabmäler, Schreine war nach zehn Tagen Iran bereits im Sinken, und die Aversion der Frauen gegen die Kopftuchpflicht im Steigen. So zauderten wir zunächst, den heiligen Schrein von Ali Reza zu besuchen, des einzigen Imams, der auf iranischem Boden bestattet wurde und dessen Märtyrerstätte Mashad sich alsbald zum größten Wallfahrtsort der iranischen Schiiten entwickelt hatte.
Am Abend raffen wir – zwei Frauen – unsere Neugier und Motivation zusammen und befolgen alle Ratschläge, die zum Ziel, den heiligen Schrein zu erreichen, führen könnten: Wir schminken uns ab, verbergen unsere Haare unter einem stramm sitzenden weißen und schwarzen Kopftuch, tragen weite, lange, schwarze Hosen, schwarze Strümpfe und schwarze Schuhe, warten im Hotel, bis zwei schwarze Tschadors ausgeliehen werden können (das Ausleihen in der Anlage des Schreins gegen Vorlage des Passes ist uns zu riskant).
Gegen 22.30 Uhr ist es so weit. Eine freundliche Iranerin hilft uns in der Hotellobby spontan – nachdem sie unsere tollpatschigen Versuche sieht –, den Tschador anzulegen, der zu unserem Erstaunen mit einem festen Gummizug am Kopf sitzt und darum auch nie rutscht. Spontanes Gefühl von Einengung, Unfreiheit und Zwang. Letzte Hinweise, den Tschador von innen zu halten (da Hände wohl zu sexy sind) und bei Ansprache durch das Wachpersonal jeweils „Salâm aleikum“ zu murmeln.
Sicherheitshalber lassen wir alles – Tasche, Fotoapparat, Pass und Geld – im Hotel zurück und machen uns auf den Weg. Seltsam, wie uns seit Anlegen des Tschadors eine innere Anspannung und Unruhe erfasst. Auf dem Weg zur Moschee Ungewissheit vor Scheitern oder Gelingen und der innere Konflikt, an dieser Wallfahrt aus Wissbegier teilzunehmen beziehungsweise von unseren bisherigen Prinzipien abzuweichen.
Neue Erfahrung, sich im Tschador in der Masse zu bewegen. Sich mehr als zwei Meter voneinander weg zu entfernen bedeutet, sich nicht mehr zu erkennen.
In der Ferne leuchtet unser Ziel: die goldene Kuppel über dem Schrein mit dem goldenen Minarett. Ein riesiger heiliger Bezirk mit zahlreichen Moscheen, Medresen und Museen, umgeben von einem breiten Boulevard, zu unserem Erstaunen „unterhöhlt“ von einer immensen Tiefgarage mit voluminösen Rolltreppen.
Es ist inzwischen 22.45 Uhr und wir strömen mit den Gläubigen den Eingängen zu. Achtung! Richtigen Eingang finden, zur Leibesvisitation der Frauen durch Frauen. Blick gesenkt, „Salâm aleikum“ gemurmelt. Geschafft! Aneinander klebend, damit wir uns nicht verlieren, werden wir vorwärts geschoben zu den Aufbewahrungsplätzen für Taschen, Schmuck und Kameras. Für uns ohne Bedeutung, da wir alles im Hotel zurückgelassen haben.
Nächste Station: Ausziehen der Schuhe und Aufbewahrung in einer einheitlichen Plastiktüte. Andere Tüten fallen sofort auf. Immer an vorauseilenden Musliminnen orientierend. An zahlreichen gefürchteten Damen und Herren des Wächterpersonals mit ihren bis fast einem Meter langen neongrell farbenen Staubwedeln zum Dirigieren der Massen vorbei. Geschafft!
Die Pilger küssen jedes der prächtigen Tore, die wir durchschreiten – intensiv bis ekstatisch. Wir gelangen, unter anschwellender Lautstärke, in den Hauptinnenhof von unvorstellbaren Ausmaßen, teppich- und menschenübersät, nur schmale Wege freigehalten. Die Pilger in ihrer Andacht versunken, über Lautsprecher und Bildschirm der Vorbeter, der seine Stimmlage steigert, über Schreien, Schluchzen, Heulen. Die Pilger andächtig, verzückt, weinend, ekstatisch die Hände nach oben reckend oder nahezu in Trance. Dieses Bild und diese Tonlage sind für uns unfassbar, erschrecken uns und wühlen uns auf. Wir wollen nicht als Voyeure stehen bleiben, bewegen uns weiter und gelangen fast automatisch im Gedränge zum Schrein des Imams, des heiligsten Teils der Anlage. Bis auf zwei Meter nähern wir uns dem goldenen Gitter, das die Pilgerinnen verzückt anfassen und küssen.
Wir versuchen, aus dem Menschengewühl herauszukommen, atmen erst einmal durch, als wir den nächsten großen Hof erreichen. Lassen uns kurz auf dem teppichbelegten Boden nieder, aufgewühlt und erschreckt von den Bildern und Stimmen, die wir soeben erlebt haben, zugleich ergriffen von der monumentalen Schönheit. Stehen auf, bemerken, dass nur wir uns nicht nach Mekka ausgerichtet haben, verlassen langsam die diversen Innenhöfe, die immer noch voller Menschen sind.
Wir haben auf der Reise durch die Türkei und den Iran viele prächtige Bauwerke gesehen, doch was uns hier begegnet, lässt in doppeltem Sinne den Atem stocken: Zutiefst beeindruckt von der Monumentalität und Pracht der Anlage, fliesen- und spiegelgeschmückt und mit Blattgold verkleidet. Zutiefst erschrocken über die für uns unfassbare Religiosität, Fanatismus und Massenhysterie. Angst bei uns erzeugend, denn dieser Kraft haben wir im Westen nichts entgegenzusetzen. Welch irdisches Paradies wäre im Iran möglich, könnte diese Kraft umgelenkt werden…
Gegen Mitternacht zurück im Hotel – Spanien besiegt gerade Russland im Halbfinale – finden wir ein alkoholfreies Bier, hängen etwas ab und versuchen, die erlebten Bilder zu verarbeiten und unsere Gefühle zu sortieren.
Heidrun
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