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Monatsarchiv für Juni 2008

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Auf der Fahrt nach Mary

27. 6.2008

Ein großes Durchatmen. Nach 4,5 Stunden ist der Grenzübertritt nach Turkmenistan geschafft. Bei ca. 39 bis 40 Grad wir auch. Unser Hans-Peter - Kommandant der Truppe - atmet sichtbar und erleichtert auf. 

Es geht weiter auf schier endlosen und geraden Straßen. Immer geradeaus. Rechts und links Steppenwüste bis zum unendlichen Horizont. 80 Prozent von Turkmenistan besteht aus Wüste. Dann plötzlich wird es grün und wir sehen Wassergräben. Woher das so plötzlich wohl kommt? Unser Führer klärt uns auf. In Zeiten der Sowjetrepublik wurde der längste Kanal vom Amudazy Oxus gebaut und ein Großteil dieser Wüstenlandschaft fruchtbar gemacht. 1.100 Kilometer lang. Baumwolle ist das Produkt. Hier ist der Kanal ein Segen, woanders ein Fluch, weil dort das Wasser fehlt.

Und plötzlich ist die Welt offener und freundlicher - die Frauen sind nicht mehr verschleiert. Ankunft im Hotel in Mary gegen 19. Uhr Ortszeit. Der erste Blick ins Zimmer:  keine Toilettengruben. Alles ist okay. Bis bald.

Ulrich von Ötlingen

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25. Juni: Sharoud - Mashhad

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24. Juni: Isfahan - Sharoud

Bekanntschaften im Iran -Opium und Crystal-

Die Reiseplanung erlaubt es uns für eigene Erkundigungen genügend Freizeit zu haben. So passierte es mir, dass mich ein Mann um die 50 Jahre ansprach und wie üblich fragte, wo ich herkäme und wie lange ich hier bleiben würde. Ich fragte, ob er wüsste wo eine schattige Bank sei, auf der ich meine eben gekauften Getränke zu mir nehmen könnte. Straßenkaffees gibt es im Iran nicht, nur sehr hohe Straßen-Randsteine. Schließlich sollen sich die Menschen nicht vergnügen, sondern beten. Eineinhalb Kilometer von hier sei ein Park meinte ein Händler. Doch mein Bekannter hatte eine andere Idee: Ich solle mit ihm kommen. Nach nur wenigen Metern stand ich vor einem hohen Stahltor. Nach dem Läuten und dem Antworten der Sprechanlage öffnete sich das Tor. Eine Frau ohne Verkleidung stand dahinter. Mein Bekannter erklärte mir die Besitzverhaeltnisse und den Wert des 3000 Quadratmeter großen, mit Obstbäumen bepflanzten Grundstückes. Gepflasterte Gehwege führten zu einem Pavillion und einem neuen Wohnhaus. Hinter dem Haus sei ein Swimmingpool, meinte er. Sein Vater (82 Jahre) und sein Bruder saßen unter dem Pavillion. Sie sprachen leider kein Englisch. Mein neuer Bekannter erzählte, er habe in USA seinen Ingenieur gemacht und er hoffe dass sein Vater bald sterbe, denn dieser sei mehrfacher Millionär, habe zwei Geschäfte in der nahen Grosßtadt und rauche Opiumpfeife. Verschiedene Rauschgifte zu bekommen, sei ganz einfach. Er habe eine Hodenkrebsoperation hinter sich und 40 Zentimeter Dünndarm wurden ihm entfernt. Seit vier Jahren habe er seine Ruhe. Er rauche Opiumzigaretten und er fragte mich, ob ich eine mitrauchen wolle. Ich könnte auch offenes Opium von ihm haben. Er habe auch privat gebrannten Wodka. Die afghanische Grenze liegt nur 170 Kilometer entfernt. Da es keine Disko, keinen Alkohol und andere Vergnügungen fuer die jungen Leute gäbe, werde bei privaten Parties verschiedenes Rauschgift konsumiert. Das sei weit verbreitet unter jungen Leuten. Ein neuer Stoff heiße Crystal und sei jetzt modern. Durch den Rauschgiftkonsum würden die jungen Leute müde und lethargisch. Mädchen würden ebenso wie Jungs konsumieren. Das Regime wuerde grosszügig hinwegsehen, weil es dadurch zu keinen Unruhen und Demonstrationen käme. Sollten dennoch mal Leute auf die Straße gehen, so kämen Spezialeinheiten in Uniformen, laden die Personen auf Spezialautos und brächten sie in Gefängnisse. Die Einheiten und der Ort der Gefängnisse seien geheim. Unter dem Schah seien die Verhältnisse smart gewesen, meinte er. Heute weiß niemand, wo die Mullahs die Staatseinnahmen hinbringen würden.  
Er würde gerne ausländische Sat-Programme empfangen. Doch dies sei verboten und wenn die Familie erwischt würde, so befürchtet sein Vater eine Enteignung. Manche bauen die Sat-Schüssel in das Gehäuse der Klimaanlage auf dem Dach ein oder verstecken diese hinter einer Plastikfolie, verrät er mir. Wir sprachen über GPS, Internet und wie man Überwachungsprogramme umgehen kann. Er meinte, wie mehrere Personen schon früher, die Engländer seien die Strippenzieher und das Mullahregime sei von den USA, GB, D und F bewusst installiert worden.
In einer Werkstatt für Kunsthandwerk in Isfahan - wir hatten keine Zuhörer - meinte eine Frau, dass die Mullahs die Ideologie, Religion und Macht in den Händen halten würden, aber in der zweiten Reihe würden getarnte Juden wichtige Positionen innehaben. Das System lebe vom Druck von außen. Man hätte nichts gegen das amerikanische Volk. Das Volk würde aber unter dem Konflikt der Regierungen sehr leiden. Es gäbe sehr depressive kranke Menschen. Besonders seien die Frauen davon betroffen.
Zurück in den Garten bei 32 Grad Wärme. Wir tranken noch eine Tasse Tee miteinander und ich konnte meinem Bekannten unter dem schattigen Pavillion nur den Trost spenden, dass auch Diktaturen einer zeitlichen Beschränkung unterliegen. Dann hinterließ ich ihm noch einige informative Internetadressen für seine beiden Söhne und meine e-mail Adresse in der Hoffnung nicht in das Fahndungsnetz unserer Regierung zu geraten. Zwei Stunden waren schnell vergangen. Nur der Abfahrtstermin des Busses, zu dem er mich begleitete, trennte uns. Schade!


Werner Ortner

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Was einem so auffällt…

24. 6.2008

Kommunikation

Gesprächsthema Nr. 1 ist seit Wochen bei einem Teil der Gruppe: “Hast Du eine Handy-Verbindung mit zu Hause? Funktioniert das Internet?” Bei einem Mitreisenden ist das die wichtigste Frage beim Einchecken im Hotel: “Gibt es eine Internet-Verbindung?” Wie schön war das Reisen in früheren Tagen ohne diese “Sorgen” der neuen Kommunikation.

Spritpreise
Völlig unverständlich sind für mich die Spritpreise. Benzin ist auf  120 Liter pro Monat und angemeldetem Auto rationiert. Dieselkraftstoff kostet: Achtung, 1,2 Cent pro Liter! Sie haben richtig gelesen: 1,2  Cent pro Liter. Was für eine Verschwendung von Volksvermögen.  Trinkwasser ist weit teurer als Diesel. Ergebnis: Keiner stellt den  Motor ab. Warum auch, bei diesen Preisen. Umweltschutz, CO2-Belastung - nie davon gehört.

Andere Länder, andere Sitten

Im Iran gibt es Auflagen, die gelten für alle. Auch für Touristen.  Man kennt kein Pardon für denjenigen, der sich nicht daran hält. Da hilft auch nicht der Protest einzelner Personen, die glauben, sie könnten die “Verschleierung” umgehen und eine lockerere Kleidung wählen. Gemeinsinn ist gefordert. In dieser Beziehung können wir noch einiges für uns in Deutschland lernen.

Ulrich von Ötlingen
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24. 6. 2008
Isfahan hat uns begeistert - so wie es Pierre Loti um 1900 beschrieben hat: “Ein Wald und eine Stadt zugleich (…), aber besonders ist es diese blaue Stadt, die Stadt von Türkis und Lapislazuli, (…) so zauberisch wie eine alte orientalische Sage…” Und Reza, unser iranischer Reiseleiter, hat uns seine Heimatstadt mit Wissen und Begeisterung nahe gebracht.

Nach der Besichtigung der Moscheen und Paläste lockten andere Kunstfertigkeiten - ist doch Isfahan eine der Hochburgen des persischen Kunsthandwerks. Das Angebot ist überwältigend: Von bedruckten Baumwollstoffen, Keramikgefäßen und Fliesen, Metall- und Holzeinlegearbeiten, Intarsien, feinsten Emaillearbeiten, Teppichen und Kelims zur Miniaturmalerei. In einem Geschäft, das uns Reza empfohlen hatte, sahen wir besonders schöne Miniaturen. Wir erfuhren, dass diese auf Kamelknochen, Kamelknochenpulver, Elfenbein, aber auch auf Holz und schönen alten Papieren mit alten Schriftzeichen gemalt werden. Ein Prachtstück zeigte den Dichter Hafiz aus Shiraz vor seinen Verszeilen auf Papier. Trotz Bilderverbots verbreitete sich die Miniaturmalerei im persischen Kulturraum allerdings ausschließlich weltliche Handschriften. In dieser Galerie waren wir nicht in Gefahr, Miniaturen auf Plastik und Melamin angedreht zu bekommen. Einige fanden ihre Wunschminiaturen nach sorgfältiger Auswahl und Betrachten unter der Lupe - sei es ein kleines Karawanserei-Motiv auf Kamelknochen in aufwändig gefertigtem Rahmen als Symbol unserer einmaligen Seidenstraßen-Reise, sei es ein prächtiger Pfau auf feinstperforiertem Kamelknochen. Wir waren nicht bei irgendwem, wie sich schlussendlich herausstellte. Der Künstler Mostafa Fotowat hat einige Vorlagen für iranische Briefmarken und - die Welt ist klein - für die Bundesrepublik Deutschland gezeichnet: eine Serie “Brandenburger Tor”. die vor ca. 10 Jahren erschien

Der Abschied von Isfahan ist nah: Letztes Frühstück um 6 Uhr morgens im 1. Stock unseres Abbasi-Karawanserei-Hotels, an kleinen Tischen vor Bogenfenstern mit holzgeschnitzten Lüftungsgittern und letzter Blick auf den wunderschönen Innenhof, bereits besprüht und gewässert, die Zinien-Rabatte in voller frischer Schönheit, blaue Moscheekuppel und Minarett im Hintergrund. Orient !!!

Abfahrt 6:45 Uhr Richtung Sharoud, ca. 750 km durch die Dasht-e-Kavir-Wüste. Sollten wir gefragt werden, ob wir nach Iran zurückkehren, fieledie Antwort einstimmig aus: Ja, nach Isfahan!

Heidrun

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Isfahan - Shahroud

24. Juni 2008

Heute ist ein “Fahrtag”. 712 Kilometer durch eine grandiose aber karge Wüstenlandschaft. Wir starten um 7 Uhr bei ca. 24 Grad in Isfahan. Ein Stop in Naein mit Besichtigung der Moschee und Altstadt. Beeindruckend die Lehmbauweise und die Technik der Wasserversorgung und Windtürme. Und dann geht es weiter durch teilweise endlose Ebenen. Über gewaltige , kahle Pässe bis ca. 2.200 Meter, vorbei an verlassenen Karawansereien und ab und zu ein wenig Grün der Oasen. 41 Grad um die Mittagszeit! Und immer geradeaus.
Mit Hans-Peter und Reza schließe ich eine kleine Wette ab: Wie weit ist es bis zur nächsten Kurve - 10 oder 15 Kilometer? Es waren 18! Und so ging es weiter. Gegen 19.20 Uhr Ankunft in Sharoud bei 21 Grad und erfrischendem Wind. Heute können wir ausschlafen, denn es geht morgen erst um 9 Uhr weiter.

Ulrich Kunzendorf (Ulrich von Öltlingen)

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Das Allerheiligste

Mashad - die heiligste Stadt Irans, Wallfahrtsstätte des Schreins des achten schiitischen Imam Ali Reza (gest. 818 n. Chr.)
Unsere Begeisterung für Moscheen, Grabmäler, Schreine war nach zehn Tagen Iran bereits im Sinken, und die Aversion der Frauen gegen die Kopftuchpflicht im Steigen. So zauderten wir zunächst, den heiligen Schrein von Ali Reza zu besuchen, des einzigen Imams, der auf iranischem Boden bestattet wurde und dessen Märtyrerstätte Mashad sich alsbald zum größten Wallfahrtsort der iranischen Schiiten entwickelt hatte.
Am Abend raffen wir – zwei Frauen – unsere Neugier und Motivation zusammen und befolgen alle Ratschläge, die zum Ziel, den heiligen Schrein zu erreichen, führen könnten: Wir schminken uns ab, verbergen unsere Haare unter einem stramm sitzenden weißen und schwarzen Kopftuch, tragen weite, lange, schwarze Hosen, schwarze Strümpfe und schwarze Schuhe, warten im Hotel, bis zwei schwarze Tschadors ausgeliehen werden können (das Ausleihen in der Anlage des Schreins gegen Vorlage des Passes ist uns zu riskant).
Gegen 22.30 Uhr ist es so weit. Eine freundliche Iranerin hilft uns in der Hotellobby spontan – nachdem sie unsere tollpatschigen Versuche sieht –, den Tschador anzulegen, der zu unserem Erstaunen mit einem festen Gummizug am Kopf sitzt und darum auch nie rutscht. Spontanes Gefühl von Einengung, Unfreiheit und Zwang. Letzte Hinweise, den Tschador von innen zu halten (da Hände wohl zu sexy sind) und bei Ansprache durch das Wachpersonal jeweils „Salâm aleikum“ zu murmeln.
Sicherheitshalber lassen wir alles – Tasche, Fotoapparat, Pass und Geld – im Hotel zurück und machen uns auf den Weg. Seltsam, wie uns seit Anlegen des Tschadors eine innere Anspannung und Unruhe erfasst. Auf dem Weg zur Moschee Ungewissheit vor Scheitern oder Gelingen und der innere Konflikt, an dieser Wallfahrt aus Wissbegier teilzunehmen beziehungsweise von unseren bisherigen Prinzipien abzuweichen.
Neue Erfahrung, sich im Tschador in der Masse zu bewegen. Sich mehr als zwei Meter voneinander weg zu entfernen bedeutet, sich nicht mehr zu erkennen.
In der Ferne leuchtet unser Ziel: die goldene Kuppel über dem Schrein mit dem goldenen Minarett. Ein riesiger heiliger Bezirk mit zahlreichen Moscheen, Medresen und Museen, umgeben von einem breiten Boulevard, zu unserem Erstaunen „unterhöhlt“ von einer immensen Tiefgarage mit voluminösen Rolltreppen.
Es ist inzwischen 22.45 Uhr und wir strömen mit den Gläubigen den Eingängen zu. Achtung! Richtigen Eingang finden, zur Leibesvisitation der Frauen durch Frauen. Blick gesenkt, „Salâm aleikum“ gemurmelt. Geschafft! Aneinander klebend, damit wir uns nicht verlieren, werden wir vorwärts geschoben zu den Aufbewahrungsplätzen für Taschen, Schmuck und Kameras. Für uns ohne Bedeutung, da wir alles im Hotel zurückgelassen haben.

Nächste Station: Ausziehen der Schuhe und Aufbewahrung in einer einheitlichen Plastiktüte. Andere Tüten fallen sofort auf. Immer an vorauseilenden Musliminnen orientierend. An zahlreichen gefürchteten Damen und Herren des Wächterpersonals mit ihren bis fast einem Meter langen neongrell farbenen Staubwedeln zum Dirigieren der Massen vorbei. Geschafft!
Die Pilger küssen jedes der prächtigen Tore, die wir durchschreiten – intensiv bis ekstatisch. Wir gelangen, unter anschwellender Lautstärke, in den Hauptinnenhof von unvorstellbaren Ausmaßen, teppich- und menschenübersät, nur schmale Wege freigehalten. Die Pilger in ihrer Andacht versunken, über Lautsprecher und Bildschirm der Vorbeter, der seine Stimmlage steigert, über Schreien, Schluchzen, Heulen. Die Pilger andächtig, verzückt, weinend, ekstatisch die Hände nach oben reckend oder nahezu in Trance. Dieses Bild und diese Tonlage sind für uns unfassbar, erschrecken uns und wühlen uns auf. Wir wollen nicht als Voyeure stehen bleiben, bewegen uns weiter und gelangen fast automatisch im Gedränge zum Schrein des Imams, des heiligsten Teils der Anlage. Bis auf zwei Meter nähern wir uns dem goldenen Gitter, das die Pilgerinnen verzückt anfassen und küssen.
Wir versuchen, aus dem Menschengewühl herauszukommen, atmen erst einmal durch, als wir den nächsten großen Hof erreichen. Lassen uns kurz auf dem teppichbelegten Boden nieder, aufgewühlt und erschreckt von den Bildern und Stimmen, die wir soeben erlebt haben, zugleich ergriffen von der monumentalen Schönheit. Stehen auf, bemerken, dass nur wir uns nicht nach Mekka ausgerichtet haben, verlassen langsam die diversen Innenhöfe, die immer noch voller Menschen sind.
Wir haben auf der Reise durch die Türkei und den Iran viele prächtige Bauwerke gesehen, doch was uns hier begegnet, lässt in doppeltem Sinne den Atem stocken: Zutiefst beeindruckt von der Monumentalität und Pracht der Anlage, fliesen- und spiegelgeschmückt und mit Blattgold verkleidet. Zutiefst erschrocken über die für uns unfassbare Religiosität, Fanatismus und Massenhysterie. Angst bei uns erzeugend, denn dieser Kraft haben wir im Westen nichts entgegenzusetzen. Welch irdisches Paradies wäre im Iran möglich, könnte diese Kraft umgelenkt werden…
Gegen Mitternacht zurück im Hotel – Spanien besiegt gerade Russland im Halbfinale – finden wir ein alkoholfreies Bier, hängen etwas ab und versuchen, die erlebten Bilder zu verarbeiten und unsere Gefühle zu sortieren.
Heidrun
 

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Der Friseurbesuch

Es ist erstaunlich genug, zwei Wochen lang durch asiatische Ländereien zu reisen, die Haare über das gebotene Mass wachsen zu fühlen, jedoch keine Haarentfernungsanstalt zu entdecken. So ergriff ich freudig die Chance dazu, als wir im Dunkelwerden von der leuchtenden 33- Bögen-Brücke kommend, die niemand schöner als Pierre Loti um etwa 1900 in seinem Buch “Vom Golf nach Isfahan” beschrieben hat, auf dem Weg zu einem empfohlenen traditionellen Restaurant in einer Seitenstraße, ein solches Institut entdeckten.
Der tief ins dunkle Haus hineinreichende Friseursalon ist mittig geteilt durch einen grünen Sichtschutz, um die, wie sich herausstellen wird,  durchaus intime Behandlung der Kunden, vor der Neugier der in der Reihe sitzenden Wartenden zu schützen.
Später wird mir der Restaurantbesitzer sagen, dass dieser Haarkünstler der absolute Meistern der Isfahaner sei…

Ich werde herzlich vom Chef persönlich begrüßt und sogar, nach Studium einer bis ins Detail gehenden Luftaufnahme der Atomanreicherungsanlage in örtlicher Nachbarschaft,  den anderen Wartenden vorgezogen.
Eingehüllt in wohlriechende Düfte der berühmten purpurnen Mohamad-Rose von Isfahan, werde ich feierlich in ein weißes Tuch gehüllt. Der bärtige Chef tritt wohlwollend hinter mich und befühlt mit liebevoll weichen Händen den Kopf, schaut ihn prüfend von allen Seiten an, über meine zaghaft geäußerten Wünsche mild und erhaben lächelnd, schreitet er zur Tat, alles wird in umgekehrter Reihenfolge wie ansonsten üblich, zelebriert:
In einen langen Griff wird eine demonstrativ frisch enthüllte Rasierklinge geschoben, Ein geübter Griff zieht, wie bei Wilhelm Busch zu besichtigen, meine Nasenspitze in die Höhe, Gegenwehr hoffnungslos, - ich ergebe mich meinem Schicksal -, doch der Gedanke schießt mir in den Sinn: wie, wenn er sich mit gleicher Entschiedenheit meiner Kehle bemächtigen würde? Einmal kräftig ratsch… Jedoch nichts dergleichen: Zart werden die Innenwände meiner Nasenflügel von langen unfeinen Haaren befreit, - ein ganzes Leben lang wurden sie vernachlässigt!
Aus einer Glasschüssel mit brauner Flüssigkeit, es könnte Olivenöl sein, nimmt der Meister als Nächstes seine Lieblingsschere, tunkt sie nach jedem “Abschnittsvorgang” wieder hinein, zerteilt meine inzwischen weich, dünn und willfährig gewordene Haarpracht.  Links, also auf der Gegenseite des üblichen Scheitelweges beginnend, bislang unbekannte Haartäler eröffnend, bearbeitet er sie sorgfältigst, bevor er das nächste Haartal fortschreitend eröffnet - die Lichtungsschere wird nun zur Durchforstung eingesetzt. Immer wieder legt der Meister liebevoll segnend die beiden Hände auf sein Werk. Nun kommt die Mähmaschine abtupfend zum Einsatz und das Wasser in einer Extraschale wird erneuert, um stellenweise mit einem Tupfer der Vollendung der Pracht entgegen zu schreiten. Doch zunächst muss das Hemd noch bis zum 3. Knopf geöffnet werden, um jegliche weiteren Störenfriede, oder nennen wir sie besser Unkräuter, im Schulterbereich und natürlich im Ohr noch zu erwischen. Herzlich enttäuscht ist er dann doch, dass ich ihm den Zugang zu meinen Augenbrauen und Wimpern verwehre, doch abschließend muss die Nase noch von möglichen Haarleichen befreit werden, freundlich reinigt er meine Nase von innen, soweit dies ein Dritter vermag. Danach werde ich aufgefordert durch kräftiges abschließendes Schnäuzen den letzten Rest in das hergereichte neue (!) Tuch zu entleeren. Doch, oh Schreck: Wo bleibe ich schließlich mit dem beschnäuzten Restpapier? Die Hosentasche ist mir durch das Mohamad-Rosengewand verschlossen, dem Meister das Zerknüllte in die Hand drücken, ist unwürdig, unvorstellbar, auf der Marmorplatte ablegen entspricht wahrscheinlich auch nicht der feierlichen Würde des Ortes…? Schließlich lasse ich den Lappen verschämt und mit schlechtem Gewissen einfach auf den Boden zu den Haarresten hinuntergleiten.
Auferstanden in neuem Glanz werde ich abschließend mit dem Rosentuchwind von allen Resten befreit… Und gebe noch einen Schein zu den vom Maestro aus meinen Scheinbündel entnommenen dazu : um das Atomanreicherungsanlagen-foto (meines Wissens war ja ein gefälschtes der CIA Vorwand für den Irakkrieg?), zur Information der feindlich gesonnenen Geheimdienste, mitnehmen zu dürfen…

Hans-Werner von Wedemeyer

Ziegenkrieg im Bus nach einem Besuch auf der Damentoilette der heiligen Moschee von Qom.

Die, die zu spät kommen, haben immer einen Grund. Gestern Samstag, 20.06.08 waren wir zu dritt. Der Besuch des Heiligtums, das einer Frau gewidmet ist – sie verdankt ihren Ruhm zwei Männern (Vater und Gatte) - wurde in letzter Minute in unser Programm aufgenommen. Großer Beifall unter uns allen, obwohl wir Frauen davon ausgingen, dass wir das riesige Areal nicht würden betreten können. Großes Gebäude als renommierte Universität mit Hunderttauenden Studenten, darunter 30.000 Frauen und geschichtsträchtiger Ort, hier rief Khomeini 1963 das Volk zum Widerstand gegen den Schah auf.
Plötzlich hieß es, wir Frauen dürften in den Vorhof. Wir erhielten Tschadors als Überwurf. Mit Ulrike flanierte ich durch den herrlich glänzenden ersten Innenhof; wir waren total überrascht über die Großzügigkeit der Wächter. Bis ein Wedelmann - sein Putzwedel war dreifarbig in gelb, violett und rosa – uns drohend bat, hinauszugehen: er zeigte uns mit seinem wedeligen Stock die Richtung Ausgang, auf Farsi geschrieben.
Unser Guide kam uns entgegen mit einer guten Handvoll MitfahrerInnen, wir folgten den Strom, zogen unsere Schuhe aus und standen unerwartet einem Ayatollah gegenüber: ein sanfter, gepflegter, weißbärtiger Mann mit Turban saß in einem bonbonfarbigen Zimmer. Erfrischungen wurden ebenso serviert wie honigfarbene wohlschmeckende Lutschzucker und Propagandahefte. Er begrüßte uns herzlichst, betonte, der Islam sei für den Frieden, wir pflichteten ihm unisono mit “wir auch” bei - beste Voraussetzung für einen Friedensvertrag! Er warnte uns vor den unwahren Meldungen im Ausland über den Iran: “Glaubt an das, was ihr seht und nicht was ihr hört“. Ein Philosoph, dieser Ayatollah, der meine Fragen geduldig und verständnisvoll beantwortete. Was wir noch lange sehen werden: die Fotos von uns allen mit dem Ayatollah -  er posierte mit Geduld und lächelnd mit einer Frau, mit zwei und mit allen… Perfekte Inszenierung.
Wenn nicht eine von uns nach dem Pipi-Örtchen gefragt hätte, dann gäbe es keine weitere Story. Zu viert gingen wir in Richtung „Damen“. Bald mussten wir uns zwischen Wellen von „schwarztschadorten“ Figuren einen Weg bahnen: Tausende Studentinnen beim Büffeln, ausruhende Mütter mit Kindern saßen auf feinen roten Teppichen. Wir liefen an vielen Gebetsräumen vorbei, bei jeder Tür hofften wir die richtige geöffnet zu haben. Die fanden wir schließlich nach vielen Stufen treppab. Wir waren nur noch drei,  befreiten uns von unserem Gewand. Da unsere Zähne den Stoff nicht mehr festhalten mussten, konnten wir wieder reden. Aber wir hielten uns eher still, beeilten uns, eine Wächterin kleidete uns genüsslich wieder korrekt an, alle Iranerinnen lachten sich tot vor Neugierde. Wir hatten noch nicht das Gefühl zu stören und machten uns schnellstens auf dem Weg zurück.
Wie bei einer Tour in die Wüste, weiß man bald, dass der Weg nicht zum Ziel führt. Und jedes Mal, wenn wir nach links oder rechts abbiegen wollten, erschien ein resoluter Wedelmann, wies uns die genau entgegengesetzte Richtung, die wir gehen sollten. Wir fingen an zu zweifeln, sogar zu schwitzen. In diesem wunderbar glänzenden Labyrinth kamen mir entgegengesetzte und noch nie erlebte Gefühlen hoch: das Glück, bewusst eine privilegierte, an sich nie im Traum vorgestellte Situation mitzuerleben; das schlechtes Gewissen mich in einer für uns Nicht-Moslems „verbotenen Stadt“ zu befinden; das seltsam Bedrückende auf meinem Herzen: als Frau störe ich „Frauen unter sich“, das seltsame Unbehagen, dass die Religion uns Frauen trennt. Mit dieser Melange aus Bedauern, Peinlichkeit und Fremdheit gelangte ich mit meinen beiden Freundinnen zum falschen Ausgang, der ziemlich weit weg entfernt von der Gruppe war. Diese erwartete uns schon “mit der Ungeduld einer Ziege“.

Pierrette Stephan-Letondor

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19.06. Teheran

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