Zwei Fahrtage liegen hinter uns, als wir in Erzurum ankommen. Die Fahrtage haben uns vom europäisch geprägten, westlichen Teil der Türkei ca. 1.400 km in Richtung Osten in die türkischen Gebiete geführt, in denen man deutlich mehr Polizei auf den Straßen sieht. Unterwegs hatten wir einige Kontrollposten der Polizei zu passieren, wobei wir allerdings nicht angehalten wurden.
Wir befuhren die Brücke, die Europa und Asien verbindet und dann weiter auf der Autobahn, bis wir diese gegen Mittag verließen und auf türkische Landstraßen wechselten. Bereits auf der Autobahn war der Klassenunterschied zwischen dem Setra-Bus und ortsansässigen Bussen und Lkws deutlich sichtbar: Während sich lokale Fahrzeuge die Berge hinaufquälten, war der Setra-Bus in oft doppelter Geschwindigkeit und nur mit gelegentlichem Zurückschalten oben. Dieser Unterschied machte sich auf der verbleibenden Landstraße weiter deutlich bemerkbar, starteten wir doch in Istanbul auf Meereshöhe und hatten bergige Strecken zu überwinden, die uns in eine Hochebene brachten. Auf dem Weg dorthin hatten wir mehrere Pässe zu überwinden. So sparten wir viel Zeit.
Wir sahen die ersten Reisfelder und fühlten uns eigentlich schon wie in China, bevor wir an unserem Zwischenziel Corum ankamen. Bereits Monate vor der Abreise in Freiburg musste die Planung, in Amasya zu übernachten, zugunsten von Corum geändert werden, da das Quartier in Amasya wegen eines Parteitages nicht mehr verfügbar war. Wir erreichten das Quartier während des Fußballspiels und nutzten die verbleibende Zeit zum Abendessen in der Gruppe, zum Fußballschauen oder für einen kurzen Stadtbummel. Bei Letzterem waren die Unterschiede zwischen Europa mit etwas Asien in Istanbul und Asien schon erkennbar, wenn es auch nachts und nach einem langen Fahrtag nicht so deutlich hervor trat.
Am nächsten Tag ging morgens die Fahrt weiter. Man gewöhnt sich daran, 15 Minuten vor Abfahrt die Koffer am Bus zu haben. Dort werden diese von Personen mit einem geometrisch-räumlich geübten Blick fachgerecht verstaut, wohl wissend, daß der geräumige Avanti-Bus keine Platzknappheit erkennen läßt. Wir fuhren zunächst nach Amasya, wo wir eine Stunde Aufenthalt für eine kurze Stadtbesichtigung nutzten. Es gab entlang eines Flusses viele Stände, bei denen die Region präsentiert wurde; zu kaufen gab es weniger. Wir gingen dennoch entlang und wir kamen zu einem älteren Herrn, der Küchenwerkzeuge verschiedener Verwendungszwecke aus Holz fertigte.
(Zum Video von MK geht’s hier: http://www.markus-krammer.de/holzbearbeit-2525-kB-mpeg1.mpg)
Cem, unser Führer erfährt später, daß es sich um eine Familie handelt, bei der der Vater sein Wissen und sein Know-how an den Sohn weiterreiche und dieser wieder an seine Nachkommen. Eigentlich habe sich der auf dem Video Gezeigte schon aus dem Geschäft zurückgezogen, doch stelle er aus Anlass der Ausstellung wieder das eine oder andere Werkzeug her.
MK wollte unbedingt den Löffel haben, der gerade in der Produktion war, obgleich dies bei der geplanten Abfahrt der Gruppe schwierig war. Doch unter Vermittlung von Cem konnte das Problem gelöst werden. Trotz Handarbeit kostete der Löffel weniger als ein vergleichbarer maschinengefertigter Löffel in einem Supermarkt in Deutschland.
Am späten Vormittag nahmen wir unseren Weg ab Amasya weiter gen Osten und hatten gebirgige Strecken vor uns, bei denen der Avanti-Bus wiederum seine technische Überlegenheit voll ausspielte. Was muss nur der Fahrer eines ortsansässigen Vehikels denken, wenn er so abgehängt wird? Bergauf, aber auch bergab, denn lange Strecken bergab führten - verwendet man die konventionelle Bremse allein - zu einer stark ansteigenden Temperatur der Bremsflüssigkeit und so zu einem Ausfall der Bremsen. Schlechter motorisierte Gefährte haben eine schlechtere Motorbremse und müssen so langsamer fahren, so überholte der Avantibus bergab ebenso wie bergauf. Wie heißt es noch gleich: Fahre den Berg im gleichen Gang runter, in dem Du ihn hochgefahren bist.
Es gab malerische Strecken an Flussläufen, Passstraßen hoch, Passstraßen hinab, den Euphrat entlang, durch Gebirgstäler hindurch mit Blick auf schneebedeckte Bergkuppen - alles bei bestem Sonnenschein. So wird die Reise zum Genuss. So kamen wir am Freitag, den 13. in Erzerum an. Das Hotel liegt absolut zentral in der Stadtmitte.
Erzerum ist mehr asiatisch als europäisch. Bereits beim Hineinfahren in die Stadt fällt auf, dass eigentlich an jeder Kreuzung in der Innenstadt ein Polizeifahrzeug steht. Wir sind näher zu den Grenzen Iran/Armenien/ Georgien/Irak mit den bekannten Problemen, doch leben hier überall nur Türken – so jedenfalls unser türkischer Reisebegleiter Cem. Der Verfasser dieses blogs übernimmt diese offizielle Sprachregelung so lange, bis er ausdrücklich eine andere Erfahrung gemacht hat.
Wir haben den Bus schnell entladen und es wird diesmal die Erwartungshaltung der Avanti-Busreisenden ob dem professionell arbeitenden und generalstabsmäßig vorausplanenden Busteam deutlich: Sobald man an der Rezeption ankommt, sollte klar sein, wer welches Zimmer bekommt; der Schlüssel sollte bereit liegen und nur noch ausgehändigt werden. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass die Hotels sich damit um so schwerer tun, je weiter man von Freiburg entfernt ist.
Abendessen gab es im besten Restaurant der Stadt. Es war alles bestens, doch fehlt uns der Vergleich, doch einigen war es wichtig, dass sie dort Alkohol bekommen. Der Weg vom Hotel dorthin verdeutlichte bereits die Unterschiede. Erzerum hat Erdbeben hinter sich und auch die wirtschaftliche Lage führt dazu, dass selbst die Gehsteige in der Innenstadt nicht durchgängig befestigt sind und auch uneben sein können. Staub ist ein Thema in der Stadt und auch das Gesamt-Erscheinungsbild der Stadt liegt um Größenordnungen hinter Corum und vor allem hinter Istanbul. Es gibt verfallene Häuser auch im Stadtzentrum, zwischen den Häusern liegt manchmal Plastikmüll rum und man sieht vielerorts Bettler und auch bettelnde Kinder. Die Autos werden älter, die Luft riecht nach Autoabgasen. Gelegentlich sieht man neue Autos, aber auch das eine oder andere, das vielleicht mit etwas speziellem Auto-Klebstoff zusammengeflickt wurde. Durch diese Gegenden fährt der Avanti-Bus, weit voraus der europäischen Abgasgesetzgebung, höchst ökonomisch und via GPS höchst verfolgbar. Vergleichbare Gefährte haben wir bislang nicht gesehen, trotzdem wurde HPC verschiedentlich beim Betrachten lokaler Modelle beobachtet.
Der Weg alleine oder in kleinen Gruppen durch die Straßen ist aufschlussreicher. Die Türken sind zu Deutschen in der Türkei um Größenordnungen freundlicher als Deutsche zu Türken in Deutschland. So es irgendeine Möglichkeit gibt, zu helfen, werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, obwohl dies vielleicht von demjenigen, dem geholfen werden soll, so gar nicht gewünscht wird. Erzerum ist aber auch eine Gegend fehlender Preisauszeichnungen. Fragen ist angesagt, doch will man wirklich diskutieren, wenn man den Preis von 35 Lira (18 €) genannt bekommt, wenn aber anschließend noch beim Bezahlen die Umsatzsteuer hinzugerechnet wird - wenn der Verkäufer wirklich nett und freundlich war und wenn man nicht weiß, ob das so üblich ist ?
Bei allen Fragen zu Politik, insbesondere zu Kurdistan, und zur wirtschaftlichen Lage verhält sich unser Führer sehr ausweichend. Wie heißt es noch gleich: Inshallah - Gott hat es so gewollt. Oder: Es ist eben so, denn was will man denn erwarten ? Auch er hat eine Familie zu ernähren und auch er kann nicht einfach ohne Lizenz als Führer arbeiten. Wo die wirtschaftlichen Stärken der Region liegen, bleibt unklar.
Die Wasserscheide zwischen Europa und Asien haben wir aber auch deshalb überschritten, weil wir auf den Straßen in etwa genauso viele Frauen mit Kopftuch wie ohne Kopftuch finden. Iran lässt grüßen, doch war bis vor nicht allzu langer Zeit das Tragen von Kopftüchern in der Türkei verboten. Wir sind in Gedanken schon im Iran, wobei die Reise durch Griechenland und die Türkei bislang genau das Richtige war, um sich für den Iran einzustimmen. Es gibt Internetcafes für „Männer und Frauen“ - solche speziell für Männer und speziell für Frauen wurden allerdings nicht gesichtet.
Aber irgendwie sind wir doch noch in Europa. Das Internet eben. Die Leitungen nach Deutschland laufen über Amsterdam oder gleich direkt nach Frankfurt und sind von guter Qualität. Durch die mitgeführten Laptops und durch die in den Hotels zumeist verfügbaren Internetzugänge via Funk sind wir doch nicht so fern der Heimat, zumal es auch hier zahllose Internetcafes gibt. Wir haben sogar Wege gefunden, über Wireless LAN zu telefonieren.Â
Markus Krammer
 
















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