13.07.2008
Post vom Chef aus China!
Viele Fragen zu den letzten Tagen erreichen mich derzeit per eMail und SMS. Deshalb möchte ich hier einen kurzen Zwischenbericht geben:
Wie es uns bis Bishkek erging, lässt sich im SWR2-Beitrag von Peter Stephan anhören (siehe unten). Nervenaufreibend war eine Grenzsperrung bei Taschkent und der daraus resultierende Zeitverlust von annähernd sechs Stunden, weil wir wieder nach Westen, fast bis Samarkand fahren mussten, zusätzlich zu den beiden Grenzübertritten, die insgesamt rund sieben bis acht Stunden in Anspruch nahmen. Und zu alledem passierte noch das Unglück, dass einer unserer Mitreisenden bei einem Pausenstopp in der Dunkelheit der Nacht in eine Baugrube stürzte und sich dabei den Arm brach. So waren wir von Taschkent bis Bishkek alles in allem gute 24 Stunden unterwegs! Und während sich die einen dann am Dienstagmorgen gegen sieben endlich ins Bett legen konnten und die anderen um zehn mit einem angemieteten Kleinbus zum Issikkul See fuhren, waren Sergej, unser kirgisischer Reisebegleiter, Irina, die dolmetschte und Ina als Begleitung zusammen mit unserem Verletzten bis in die Nachmittagsstunden im Krankenhaus damit beschäftigt, den gebrochenen Arm versorgen zu lassen. Die Stimmung war auf dem Tiefpunkt, bei einigen zumindest und die Nerven lagen bloß, auch weil wir noch einmal nach Kasachstan einreisen mussten, um die einzige für uns offene Grenze nach China zu erreichen.
Am Mittwoch fahren wir dann gegen halb acht los, lassen die Ausreiseprozedur der Kirgisen über uns ergehen, warten weitere Stunden, bis die Kasachen unseren Sergej von Schalter zu Schalter für die Ausstellung der notwendigen Buspapiere herumgeschickt haben, aber wir sind noch vor Mittag in Kasachstan! Und welch ein Wunder: von der Grenze bis nach Almaty ist die Straße in einem guten Zustand!Â
Nach den vergangenen gut 1800 Kilometern auf Straßen, die diese Bezeichnung nicht annähernd verdienten, können wir auf einmal wieder achtzig, neunzig, manchmal sogar Hundert fahren! Das Land links und rechts der Straße ist weit und offen und über viele Hundert Kilometer kaum besiedelt, berittene Hirten ziehen mit ihren Kühen und Schafen durch die Steppen, Herden von frei lebenden Pferden tauchen auf, immer wieder bilden Jurten die einzigen Fixpunkte im braungrünen Meer. Und rechts in der Ferne begleitet uns das Tien-Shan-Gebirge.
In Almaty stößt schließlich Linus Schlüter zu uns, unser Reiseführer für den chinesischen Teil der Reise, der von “China-by-Bike” organisiert wird. Linus ist ein echter Gewinn, klar und strukturiert, mit vollem Einsatz und Leidenschaft bei der Sache. Erleichterung macht sich breit bei allen in unserer Gruppe, schließlich werden wir über vier Wochen zusammen sein. In Zarkent, kurz vor der chinesisch-kasachischen Grenze schließlich, treffen wir gegen neun Uhr abends ein. Unsere Gruppe ist verteilt auf zwei private Gästehäuser, sie sind liebevoll gepflegt und pieksauber, so ganz anders als manches der “besten Häuser am Platze” der vergangenen Tage in den ehemaligen Sowjetrepubliken.
Donnerstag: Heute ist der große Tag! Die Einreise nach China steht auf dem Plan.
Um halb sieben brechen wir auf, wir haben eine Stunde noch zur Grenze zu fahren. Sergej, unser Kirgise, dem wir die trotz allem relativ ”unproblematischen” Grenzübertritte der vergangenen Tage verdanken, darf uns nicht zur Seite stehen, bis wir die kasachische Grenze hinter uns haben. Sperrgebiet, nur wer ein Visum nach China vorweisen kann, darf den ersten von drei Grenzposten passieren. Um halb acht sind wir beim ersten Posten, ein Zöllner schickt uns auf einen Parkplatz; auf dem bereits chinesische Busse warten. Alles aussteigen, Kontrolle, ob alle ein chinesisches Visum besitzen. Nach einer Viertel Stunde fahren wir weiter. Niemandsland. Nächster Posten, nächster Parkplatz. Alle müssen im Bus bleiben. Noch zehn Minuten Wartezeit, dann mache die Grenze auf. Punkt acht bedeutet uns der Zöllner, weiterzufahren. Kurz darauf stehen wir wieder vor einer Schranke. Wieder erfolgt eine Passkontrolle, diesmal im Bus, dann wird uns bedeutet, den Bus neben einem großen Gebäude abzustellen und uns ins Innere zu begeben. Wir gesellen uns zur Menge, die bereitsÂ
wartet. Werden zur Seite gedrängt, Busladung um Busladung ergießt sich in den Raum, alle haben ihr Gepäck dabei. Wir nicht. Unseres ist noch im Bus. Wir könnten aber auch gar nicht mehr zurück. Hunderte an Reisenden sind es mittlerweile, von allen Seiten drückt und drängt es zur Tür, die noch verschlossen ist. Wir sind weit vorne, aber es wird uns nichts nützen. Nach einer Viertelstunde öffnet sich die Tür einen Spalt breit, von hinten drückt es, dass ich kaum noch Luft bekomme, die ersten fünf drängen durch den Spalt, brutal wird die Tür wieder verschlossen. Wieder fünf, dann die nächsten fünf. Das Gedränge wird schier unerträglich, menschenunwürdig, viehisch, unter den Augen derGrenzer lassen die kasachischen und chinesischen Busfahrer nur “ihre” Leute hinein. Aber irgendwann sind auch wir alle drin, haben unsere Ausreisestempel. Ohne Gepäck. Das ist im Bus geblieben, die Ausreisebeamten haben das nicht bemerkt. Welch ein Glück!
Dann werden Alain und ich zum Bus gebeten. Blick ins Innere, der Drogenhund läuft entlang, dann zum ersten Schalter, das Papier, das ich für den Bus zur Einreise erhielt, wird gestempelt und einbehalten. Nächster Schalter, keine Ahnung, was da passiert, ich bin in Begleitung eines jungen Soldaten, der ein paar Worte Englisch spricht. Aber zu wenig. Zurück in die große Halle, in der wir die Ausreisestempel erhielten. Eine junge Zöllnerin fragt in etwas besserem Englisch nach Papieren für den Bus. Ich erkläre, dass ich das einzige Papier, das ich bei der Einreise erhalten hatte, bereits abgegeben habe. Der Soldat erhält Order, begleitet mich zurück, spricht mit dem Beamten. Problem-Problem, Papier-Papier. Dazwischen Telefonate mit Vorgesetzten, dann wieder Problem-Problem, Papier-Papier. So geht das eine gute Stunde, schließlich kommt ein weiterer Beamter, der mich in sein Büro mitnimmt. Ich kürze ab, denn die Geschichte wird endlos und ist nicht spannend. Ich bezahle schließlich 200 USD “Straff” (das Wort fällt immer wieder), für was auch immer, und pünktlich um 12.00 Uhr darf ich gehen. Kann die Gruppe endlich ausreisen. Ist alles geregelt! Seit 8 Uhr sind wir hier! Endlich geht es weiter! Denken wir.
12 Uhr mittags heißt nämlich auch, dass vor unseren Augen der Grenzposten, der uns ausfahren hätte lassen können, das Tor verschließt, während der Bus darauf zu rollt. Mittagspause bedeutet er uns und lässt den Bus 100 Meter zurückfahren. So warten wir weitere zwei Stunden. Vertun nutzlos weitere zwei Stunden, bis der Posten wieder erscheint und das Tor aufschließt, das er vor unseren Augen dicht gemacht hatte. So brauchen wir alleine sechs Stunden für die Ausreise. Außentemperatur gegen 14 Uhr übrigens rund 36 Grad im Schatten. So viel zum Selbstverständnis kasachischer Zöllner im Umgang mit Reisenden. Ich bin gespannt, wie das wird, wenn Alain und ich den Bus leer zurückfahren.
Schließlich passieren wir den letzten kasachischen Kontrolleur. Aber Durchatmen geht noch nicht. Im Schritttempo nähern wir uns dem ersten chinesischen Posten. Das Erstaunen, als wir auf ihn zurollen, ist ihm ins Gesicht geschrieben. In seinem runden Gesicht steht der Mund weit offen. Dann bedeutet er uns, anzuhalten. Linus redet auf ihn ein, ungläubig telefoniert er, entspannt sich, beginnt zu lächeln, schaut schließlich mit lachendem Gesicht in den Bus. Er kann es nicht fassen. Ein ganzer Bus voller Langnasen aus Europa! Dann dürfen wir weiterfahren, zum nächsten Posten. Gleiches Spiel: Unglauben, Telefonat, lächeln, lachen, weiterfahren zum nächsten Halt, schon in Sichtweite der Abfertigungshalle, und schließlich weiter bis zum großen Gebäude. Dort tauchen auch die beiden Chinesen auf, die uns begleiten werden.
Ein großes “Hallo” mit den neuen Begleitern, und alles wirkt wie ein Wunder: freundliche Zöllnerinnen und Zöllner, eine klimatisierte Halle mit vor Sauberkeit blitzenden Böden, ein einfaches Prozedere, ein warmherziger, freundlicher Empfang. Nur die Koffer, die müssen wir ausladen, durch den Zoll tragen und kontrollieren lassen. Zum ersten Mal auf dieser Reise. Aber alles ist ganz einfach. Wir werden bestaunt, gefragt, fotografiert, ich muss mein Laptop öffnen, und diese Kontrolle wird zu einer Diashow der Reise. Vier Zöllner und eine Zöllnerin stehen um mein Laptop, sehen die Bilder von Griechenland, Istanbul, Isfahan, und immer wieder muss ich ihnen auf einer Landkarte zeigen, wo die Bilder aufgenommen wurden.
Richtig viel Zeit, nämlich gute zwei Stunden, nimmt dagegen die Durchsicht des Busses in Anspruch. Alles wird kontrolliert, wir fahren durch eine “Waschstraße”, in der der Bus nicht gewaschen, sondern desinfiziert wird, und auch der Innenraum wird eifrig besprüht und eingenebelt. Außerdem brauchen wir noch die Genehmigung, um in die nächste Stadt zum Hotel und morgen in die Kreisstadt zur Zulassungsbehörde fahren zu dürfen. Denn wir sollen den Wagen technisch überprüfen lassen, chinesische Nummernschilder bekommen sowie chinesische Führerscheine. Aber alles ist den Behörden seit langem angekündigt und avisiert, die Papiere geschrieben, die Termine gemacht, darüber mache ich mir jetzt keine Gedanken mehr.
Denn wir sind in China! Wir haben es geschafft! Was seit eineinhalb Jahren wie ein fast unüberwindbarer Berg vor mir lag und viele schlaflose Nächte bereitete, es ist überwunden! Wir haben auf dieser Pionierfahrt, der ersten durchgängigen Reise in einer Gruppe mit einem Omnibus von Deutschland bis nach China die schwierigsten Hürden hinter uns gebracht.
Hans-Peter Christoph
4 Kommentare zu “Post vom Chef aus China!”
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zao à n !
1) Zum Bericht von Hans-Peter (Buchara)
Mit dem Wodka stimmt es wirklich ! In Zentralasien/Mongolei ist es uns empfohlen worden, jeden Abend etwas Wodka zu trinken : “zum desinfizieren”! Keiner von uns hat Probleme während der Reise gehabt, obwohl wir Plow, Suppen Buzz, Airag, Archi, frische Milch (Schaf, Ziegen, Stuten), bei den Nomaden genießen durften.
2) Da ihr jetzt wirklich in China und am Anfang eures echten “Seidentraumes”seid, darf verraten werden, dass die Kirghisen-Kasachischen Grenzübergänge wohl bei vielen nachhaltig in Erinnerung bleiben werden. Es reisten in den letzten Wochen etliche Radlergruppen mit oder ohne Begleiter-Tross, alles nach Peking. Sie erzählen Ähnliches… .Sicherlich legen die besagten Zöllner wert ihren guten Ruf im Laufe des Sommers zu festigen. Eine Radlertruppe (über 100 Mann) mit 7 europaischen Fahrzeugen benötigte etwas länger an der chinesischen Grenze : die Fahrer waren meistens über 60 Jahre und es ist wohl nicht mehr erlaubt dann LKW zu fahren. Also mußten andere, jüngere, Begleiter einspringen und kurzfristig den chinesischen LKW-Führerschein nachholen. Es ging mit viel Lachen, Fröhlichkeit und verständnisvolle “Hilfe” der Chinesen, die Tipps gaben, wie die Zeichen zu lesen seien. Ende gut, Alles gut. Nach 3 Tagen hatten die Begleitfahrzeuge ihre Radler wieder eingeholt.
3)Neulich fand hier ein Vortrag über China statt. Thema “China das Reich der Mitte in der Welt von Morgen” (von Marcus Schneider, Basel). Nachstehend nur ein paar Ansätze aus diesem sehr ausführlichen Vortrag. Für manche vielleicht doch vertiefend.
Es ist sehr schwierig ein abgeschlossenes Bild von China zu geben, denn es erfolgt eine große Umwandlung, die für die chinesen selbst unheitlich und unheimlich ist.. Z.B geht alle 10 Tage ein neues Kraftwerk ans Netz ; Häuser, Dörfer verschwinden, weil eine Autobahn gebaut wird, oder Hochhäuser in den Städten, große neue Städte entstehen innerhalb kürzeste Zeit. Andererseits entstehen gleichzeitig buddhistische Tempel, taoistische Gärten nach alter Tradition.
China hat sich ein uraltes Bewußtsein, eine uralte Inspirationsquelle aufbewaht, in welcher man keine “Religion”, keine Götterbilder wie hier im Westen kennt. Konfuzius und Lao Tse sind heute ganz aktuel. Konfuzius sagt “ein Lehrer ist der, der nie aufhört zu lernen”. Der Chinese versucht Weisheit zu finden und nicht sich in einer Gottheit wiederzufinden. Motto ist “Wissen ist nichts - Lernen ist alles. Daher ist man im Westen über den Lerneifer der Chinesen immer wieder erstaunt und daher besteht in China die große Verehrung vor dem ständig Lernenden.
Es existiert einen großen Drang zu einer eigenen Ausdrucksweise und das geistige Leben hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt, ob es sich um Literatur, bildende Künste oder Musik handelt. 2007 war das meiste verkaufte Buch in China “die Leiden des jungen Werthers”, sowie das Buch “Wolf Totem” von Jiang Kong (Pseudonym von einem Polit-Professor). Das Buch (Epos von 1000 Seiten, jetzt auch in deutscher Sprache erhältlich) wurde in 3 Mio Exemplare verkauft. Der Autor will mit diesem Epos zeigen, wo die Chinese heute stehen, wie es in der Zukunft aussehen könnte und wie die Vergangenheit bewältigt werden könnte (manche Demütigungen des Westens sitzten in der chinesischen Seele sehr tief).
In der Musik wird eine eigene Orchestersprache mit östlicher Instrumenten, neuen Klangformen außerhalb der gewohnten Schemas und Denkweisen gesucht aber gleichzeitig existiert eine riesige Sehnsucht nach europaischen Elementen (z.B.: großer Erfolg der “Ring”-Aufführungen)
Aus diesen Anfängen eines neuen Bewußtseins und dem krassesten Materialismus (hauptsächlich in den Großstädten) besteht heute die Gratwanderung des chinesischen Volkes; zwischen Freiheit und Repression, Gemeinschaftsinn und zaghaft entstehenden Individualismus. Die chinesische Tradition hat immer alles über die Gemeinschaft definiert und nicht über den Individualismus. China hat noch nie den Menschen einen Freiraum gegeben und für viele ist es jetzt einen großen schwierigen Weg nach Innen, diesen individuellen inneren Freiraum zu finden.
Möge der kleine blaue Glücksdrache euch auf eurem weiteren Weg beschützen.
Zà i jià n und yì lù ping à n
Danke an Hans-Peter Christoph für seinen “kurzen Zwischenbericht”. Wir hier, im kuscheligen Deutschland, können den Nervenkrieg an den diversen Grenzen selbst aus der Distanz gut nachvollziehen und die Erleichterung, plötzlich auf die Freundlichkeit und positive Neugierde der Chinesen zu stoßen. Es ist bemerkenwert, dass “der Chef” sich bei all dem Stress und der eigentlich hoch verdienten Ruhepause die Zeit genommen hat, uns zu informieren.
Wir Daheimgebliebenen, Freunde von Mitreisenden, sitzen hier wie die Made im Speck und nehmen erheblich mehr Anteil, als wir uns das vor Beginn der Reise vorstellen konnten. Wir “lassen reisen”, dank all der Möglichkeiten über Blog, GPS, Hörfunk, Mail, und finden die Pionierleistung dieses Reiseprojekts nur noch faszinierend.
Zu “Straff”: Ich denke. das sollte “stuff” heißen; 200 US-Dollar also für die Belegschaft.
Alles Gute und bestes Gelingen für den Rest der Reise (aber auch für die Rückfahrt mit dem leeren Bus)!
Hallo Hans-Peter.
zu Deiner Magengeschichte in Buchara kann ich Dich nur erinnern: In Griecheland reichlich Ouzo trinken und in Russland eben Wodka. Hab´s selbst schon ausprobiert.
Für alle Fälle könntes Du noch in Erfahrung bringen, was in China in solchen Fällen hilft. Herzliche Grüße Cornelia
Hallo Ihr Gelbfüßler!
in der roten Reisebroschüre von Avanti (daheim) steht Euer Erleben der 6. Woche
eigentlich deutlich (auch zwischen den Zeilen) geschrieben. nun atmen wir wieder erleichtert auf,daß China ein besseres Pflaster hat.was man in 6 Wochen mitfahren
per Internet und Radio geographisch und kulturell lernt, war uns 60. Jahre fremd.
ein großes DANKESCHÖN dem Organisator, Fahrer,Führern und der ganzen Truppe
liebi Grieß bsunders an d’Uli
un e’gueti Widderfahrt
vu d’groß Fangmein un d’Mama