Heute möchten wir über die Grenze nach Kasachstan, entsprechend nervös bin ich am Morgen. Frühstück im Hotel, danach geht unser Uigure die ersten Ausfuhrerklärungen für den Bus abzugeben. Für uns gibt es dabei nichts zu tun. Wir füllen das Wasser für die Bustoilette nach, warten eine Zeit, stehen herum und rauchen, putzen ein bisschen am Bus rum und warten wieder. Dann laufe ich um den Block auf der Suche nach Brot, frischem Fladenbrot. Es ist unser letzter Tag in China. In Yining - wie in den meisten Großstädten Chinas - sind Elektrofahrräder, -mopeds und -roller schwer in Mode. Lautlos rollen sie heran und erschrecken uns, die wir nicht daran gewohnt sind. Die Straßen der modernen Städte (und die meisten Städte sind groß, modern und im rasanten Wachstum begriffen) sind breit großzügig und für noch viel, viel mehr Verkehr angelegt, denn für unsere Verhältnisse sind die Straßen immer noch relativ leer. Nur in Peking hatten wir innerstädtische Staus. Oft sind es drei Fahrspuren die in eine Richtung führen, manchmal sogar noch mehr, und daneben links wie rechts noch einmal kleinere Straßen, die die Häuser und Geschäfte erschließen, und auf denen die Anlieger, Fußgänger, Radfahrer und Elektromobile unterwegs sind.
Der Verkehr auf den Straßen ist relativ langsam, innerorts darf maximal 40 km/h gefahren werden, aber oftmals schleichen die Autos auf der dritten, linken Spur im Schneckentempo dahin. Ein Rechtsfahrgebot ist unbekannt, obwohl auf Autobahnen immer wieder darauf hingewiesen wird, auch in englischer Sprache. So ist meist die linke von drei Spuren von den Langsamsten blockiert, während dann rechts überholt werden muss. Überhaupt kommt es uns so vor, als befänden wir uns auf einem großen Gelände für Autoscooter, auf dem alles erlaubt ist: Gegen den Kreisverkehr fahren, links abbiegen und dabei den Gegenverkehr zum Anhalten zu zwingen, ohne zu schauen aus Seitenstraßen einfahren, plötzlich zu wenden, gedankenlos Fahrspuren zu wechseln, nie zu blinken, in der Dunkelheit ohne Licht zu fahren, nie den Rückspiegel zu benutzen, zu überholen in zwei, drei Reihen in unübersichtlichen Kurven, gerade außerorts auf den Landstraßen.Â
Selbstmörderische Fahrweisen sind die Regel, nicht die Ausnahme. Wir haben einige Schwerstunfälle gesehen. Andere Verkehrsteilnehmer sind für den chinesischen Autofahrer nicht existent. Dafür wird ausgiebigst gehupt, um das eigene Erscheinen anzukündigen und dem Vorwärtsdrang Nachdruck zu verleihen. Verkehrsregeln gibt es nicht, es ist so, als hätte man lauter Fahranfänger losge-lassen, denen die elementarsten Grundbegriffe zum Überleben fehlen. Jeder fährt, als sei er alleine auf der Welt. Und ist selbst dabei noch hoffnungslos überfordert.
Den ganzen Vormittag ist unser Uigure mit dem Zollamt beschäftigt, weil unser Bus wieder ausgeführt werden soll, erst um halb eins erscheint er wieder. Dann fahren wir Richtung Grenze, vertanken unsere restliche Barschaft. Die 70 Kilometer bis zur kasachischen Grenze kommen wir noch einmal in den vollen Genuss des chinesischen Verkehrs. LKWs kleben mit 20 Sachen auf der Überholspur und werden höchstens, um eine Pause zu machen, irgendwann einmal auf die rechte Spur zur Ausfahrt auf den Parkplatz wechseln. Unterhalb der Ladefläche sind großvolumige Wassertanks angebracht, aus denen in abenteuerlicher Weise Schläuche zu den Radnaben geführt werden, aus denen ein feiner Wasserstrahl spritzt, der die Lager und Bremstrommeln kühlen soll. An allen Steigungen und vor Gefällstrecken leben Leute, deren Einkommen daraus besteht, die Wassertanks dieser LKWs zu füllen. Möglich, dass ein ähnliches Kühlsystem in Europa vor der Wende ins 20. Jahrhundert bestand, aber was und wie es hier auf den Straßen herumfährt, ist nicht beschreibbar. Dabei wirkt das Straßenbild durchaus modern! Die Silhouetten der LKWs und Busse gleichen bis auf die letzte Schraube den unseren, aber das sind keine Mercedes, MAN oder Scanias, sondern haargenaue Kopien! Ebenso beliebt ist es, verschiedene Stilelemente europäischer Busse zu kombinieren: Zum Beispiel Mercedes-Tourismo-Gesicht mit Setra-215-Heck. Die Heckleuchten der neuen Setra Generation sind allgegenwärtig. Das Design großer europäischer 12-Meter-Busse wird auch auf Midibusse übertragen: Da fahren kleine Lion’s Stars herum, kleine Travegos, kleine Neoplans, ganz wie es gefällt. Hier in dieser westlichsten Provinz sind es vor allem Neoplan- und MAN-Kopien, aber auch Kopien der spanischen Omnibusmarke Irizar.
Aufgrund der erst vor wenigen Tagen verübten Anschläge kommen wir kaum vorwärts. Drei Mal müssen wir anhalten, unsere Pässe abgeben. In Korgas, wenige Kilometer vor der Grenze sind weitere Zollformalitäten fällig. Mittlerweile ist es 15.10 Uhr. Und wir sind noch nicht einmal im chinesischen Zollhof bei der Ausreise! Stunde um Stunde hängen wir in einer kleinen Kneipe herum, während unser Uigure beim Amt nachschaut, wie weit sie sind. Unsere Hoffnung, heute noch ausreisen zu können, sinkt. Direkt neben dem Amt gibt es ein kleines Hotel, wer weiß, wer da zusammenarbeitet. Gegen 18 Uhr ist klar: Wir müssen bleiben, die Grenze macht bald dicht. Neuer Tag, neues Glück.
Doch dann heißt es plötzlich, wir sollen in den Zollhof fahren. Am Tor werden wir aufgefordert, all unser Gepäck auszuladen. Alain muss zur Halle fahren, in der der Bus gescannt wird. Wir drei sind ruckzuck durch Zoll- und Passkontrolle, erstehen im duty free shopree eine Flasche Bordeaux, für den Fall, dass wir es tatsächlich schaffen durchzukommen, und eine halbe Stunde später erscheint auch schon Alain.
Jetzt wird es spannend, jetzt geht es zu den Kasachen. Der erste Posten lässt uns ohne etwas zu fragen passieren, der zweite Posten, der auf der Hinfahrt demonstrativ das Tor verschlossen hatte, als wir anrollten, winkt uns einladend durch, und vor der Halle, dort, wo wir ca. sechs Stunden mit Warten auf die Ausreise verbracht hatten, stehen an die zwanzig Zöllner, freundlich lächelnd und uns auf Deutsch begrüßend! Wir werden förmlich zur Passkontrolle gedrängt, es geht so etwas von schnell und geschieht in freundlichsten Tönen, dass wir ganz platt sind. Schon während mein Pass bearbeitet wird, kommen mehrere zu mir und sagen gestikulierend - denn weit ist es mit ihrem Deutsch nicht her -, dass die direkte Strecke nach Alamaty gesperrt sei. Ich muss die Karte holen, damit sie einzeichnen können, wie wir zu fahren haben. Sobald ich mit meinem Pass fertig bin, werde ich zu demjenigen geführt, der die Buspapiere erledigen soll. Wieder begegnen mir nur freundlichste Menschen. Nix zu schmieren, keine Kosten, keine Hinhaltetaktik, keine zweideutigen Bemerkungen, kein herablassendes Benehmen, keine Machtdemonstration, es ist unfassbar!
Wir sind die Letzten, die heute aus China kommen und die Jungs wollen Feierabend machen. Das ist wohl der Grund. Das Beste kommt schließlich, als die Papiere fertig sind: Die ganzen Zöllner steigen in unseren Bus, und mit Karacho brausen wir mit unseren stolz winkenden Zöllnern durch die verschiedenen Kontrollpunkte. Nach rund fünf Kilometern steigen sie schließlich aus, dort ist ihre Kaserne. Geschafft! In rekordverdächtiger Zeit! Kasachstan, so sehen wir Dich gerne wieder! In Zharkent gehen wir ins Hotel, in dem wir schon auf dem Hinweg übernachtet hatten, und öffnen unseren Bordeaux.
Hans-Peter Christoph