06.06.2008
Am Nabel der Welt
Donnerstag, 5. Juni 2008Â
Wir sind in Delphi, dem Dorf am heiligsten Heiligtum der Griechen gelegen, auf einem Bergrücken über einem weiten lichten Tal, das in den Golf von Korinth mündet. Die alten Griechen haben – wie alle alten Religionen - ihre Götter an aussichtsreichen und besonders schönen Punkten der Landschaft angesiedelt. Noch heute verströmen diese Orte eine Aura, der sich auch der areligiöse Mensch nicht entziehen kann. Die Franzosen nennen diese besonderen Stellen – in ihrem Fall die alten keltischen Heiligtümer – „hauts lieux“, hohe Orte – hoch im doppelten Sinn: räumlich und sinnlich. Unser griechischer Führer Yorgos ist ein exzellenter Kenner der griechischen Mythologie und zudem von pädagogischer Leidenschaft ergriffen. Während wir langsam die heilige Straße zum Heiligtum emporsteigen, erzählt er uns ohne zu ermüden in feinstem Deutsch die Sagen aus der hellenischen Götterwelt. Zum Beispiel, dass Delphi einst der alten Erdgöttin Gaia geweiht war. Ihr Tempel wurde vom Drachen Python bewacht. Apollon eroberte den heiligen Hain für sich, indem er den Drachen tötete. Ab da war Apollon Herr über Delphi und so siegte das Patriarchat über das Matriarchat (was jetzt meine Interpretation ist). Zwar weissagte weiterhin eine Frau, die Pythia, umnebelt von Erddämpfen und Kräutersäften, den Abordnungen der griechischen Stadtstaaten. Ihr unverständliches Gestammel musste dann aber von Priestern des Apollontempels übersetzt werden. Die Interpretationsmacht gaben die Männer nicht mehr aus der Hand. Für die Griechen war Delphi der Mittelpunkt der Welt, am heutigen 5. Juni ist es dies auch für uns.
Ich sehe die Götterbildnisse, den Apollon von Delphi, gestern die Athene der Akropolis, den Dionysos, die Aphrodite und wie sie alle heißen als Großvater auch mit den Augen meiner Enkeltochter Luzia, die eine begeisterte Kennerin geworden ist, seit sie von einer Hörbuch-CD aus der Stadtbücherei die griechischen Göttersagen verschlungen hat. Luzia wäre jetzt bestimmt auch gerne hier, ich werde ihr von meinen Begegnungen mit den Heroen des Altertums erzählen und ihr Fotos der Statuen mitbringen, die ich für sie auf den archäologischen Feldern und in den Museen geschossen habe.Â
Unser aktueller Lebensmittelpunkt ist natürlich der rote AVANTI-Bus, unsere gegenwärtige „Familie“ die Gruppe aus 23 Reisenden und vierköpfigem Team. Die Stimmung ist fröhlich und freundschaftlich, noch hat es keiner und keine bereut, dass er oder sie das Wagnis dieser Abenteuerreise eingegangen ist. Übrigens sind wir 11 Frauen und 12 Männer, die Älteste ist 82, die Jüngste 33 Jahre alt. Es wird auf dieser Reise eine Goldene Hochzeit geben und einen 60. Geburtstag, elf von uns sind über 65 und bekommen in den Museen Rentnernachlass, andere haben eine Sabbatpause vom Beruf genommen: Also eine gute Mischung aus jung und alt. Eine Art Großfamilie.Â
Heute Nachmittag verlassen wir den „Nabel der Welt“, den die Griechen hier in Delphi mit großen eierförmigen Steinen darstellten, in Richtung der Thermopylen und später der Meteoraklöster – Stationen der ersten Tage auf der weiten Fahrt über die Seidenstraße nach Peking.Â
Rosch


