24.06.2008
Die Frauen in den Katakomben oder der Mann mit dem Putzwedel
Ziegenkrieg im Bus nach einem Besuch auf der Damentoilette der heiligen Moschee von Qom.
Die, die zu spät kommen, haben immer einen Grund. Gestern Samstag, 20.06.08 waren wir zu dritt. Der Besuch des Heiligtums, das einer Frau gewidmet ist – sie verdankt ihren Ruhm zwei Männern (Vater und Gatte) - wurde in letzter Minute in unser Programm aufgenommen. Großer Beifall unter uns allen, obwohl wir Frauen davon ausgingen, dass wir das riesige Areal nicht würden betreten können. Großes Gebäude als renommierte Universität mit Hunderttauenden Studenten, darunter 30.000 Frauen und geschichtsträchtiger Ort, hier rief Khomeini 1963 das Volk zum Widerstand gegen den Schah auf.
Plötzlich hieß es, wir Frauen dürften in den Vorhof. Wir erhielten Tschadors als Überwurf. Mit Ulrike flanierte ich durch den herrlich glänzenden ersten Innenhof; wir waren total überrascht über die Großzügigkeit der Wächter. Bis ein Wedelmann - sein Putzwedel war dreifarbig in gelb, violett und rosa – uns drohend bat, hinauszugehen: er zeigte uns mit seinem wedeligen Stock die Richtung Ausgang, auf Farsi geschrieben.
Unser Guide kam uns entgegen mit einer guten Handvoll MitfahrerInnen, wir folgten den Strom, zogen unsere Schuhe aus und standen unerwartet einem Ayatollah gegenüber: ein sanfter, gepflegter, weißbärtiger Mann mit Turban saß in einem bonbonfarbigen Zimmer. Erfrischungen wurden ebenso serviert wie honigfarbene wohlschmeckende Lutschzucker und Propagandahefte. Er begrüßte uns herzlichst, betonte, der Islam sei für den Frieden, wir pflichteten ihm unisono mit “wir auch” bei - beste Voraussetzung für einen Friedensvertrag! Er warnte uns vor den unwahren Meldungen im Ausland über den Iran: “Glaubt an das, was ihr seht und nicht was ihr hört“. Ein Philosoph, dieser Ayatollah, der meine Fragen geduldig und verständnisvoll beantwortete. Was wir noch lange sehen werden: die Fotos von uns allen mit dem Ayatollah -  er posierte mit Geduld und lächelnd mit einer Frau, mit zwei und mit allen… Perfekte Inszenierung.
Wenn nicht eine von uns nach dem Pipi-Örtchen gefragt hätte, dann gäbe es keine weitere Story. Zu viert gingen wir in Richtung „Damen“. Bald mussten wir uns zwischen Wellen von „schwarztschadorten“ Figuren einen Weg bahnen: Tausende Studentinnen beim Büffeln, ausruhende Mütter mit Kindern saßen auf feinen roten Teppichen. Wir liefen an vielen Gebetsräumen vorbei, bei jeder Tür hofften wir die richtige geöffnet zu haben. Die fanden wir schließlich nach vielen Stufen treppab. Wir waren nur noch drei, befreiten uns von unserem Gewand. Da unsere Zähne den Stoff nicht mehr festhalten mussten, konnten wir wieder reden. Aber wir hielten uns eher still, beeilten uns, eine Wächterin kleidete uns genüsslich wieder korrekt an, alle Iranerinnen lachten sich tot vor Neugierde. Wir hatten noch nicht das Gefühl zu stören und machten uns schnellstens auf dem Weg zurück.
Wie bei einer Tour in die Wüste, weiß man bald, dass der Weg nicht zum Ziel führt. Und jedes Mal, wenn wir nach links oder rechts abbiegen wollten, erschien ein resoluter Wedelmann, wies uns die genau entgegengesetzte Richtung, die wir gehen sollten. Wir fingen an zu zweifeln, sogar zu schwitzen. In diesem wunderbar glänzenden Labyrinth kamen mir entgegengesetzte und noch nie erlebte Gefühlen hoch: das Glück, bewusst eine privilegierte, an sich nie im Traum vorgestellte Situation mitzuerleben; das schlechtes Gewissen mich in einer für uns Nicht-Moslems „verbotenen Stadt“ zu befinden; das seltsam Bedrückende auf meinem Herzen: als Frau störe ich „Frauen unter sich“, das seltsame Unbehagen, dass die Religion uns Frauen trennt. Mit dieser Melange aus Bedauern, Peinlichkeit und Fremdheit gelangte ich mit meinen beiden Freundinnen zum falschen Ausgang, der ziemlich weit weg entfernt von der Gruppe war. Diese erwartete uns schon “mit der Ungeduld einer Ziege“.
Pierrette Stephan-Letondor


