Meine erste Reise nach China - ich hatte keine genaue Vorstellung, was mich erwartet, ich war und bin nur neugierig, also gibt es auch keine Enttäuschungen, im Gegenteil, alles ist spannend, ich hätte nie gedacht, dass Neubauviertel in der Wüste mit einem realsozialistischen Resttouch so interessant sein könnten.
Die Menschen hier machen es mir einfach, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen, will heißen, es gibt ganz einfache Verständigungscodes, nach denen ich verstehe, ob ich sie fotografieren darf oder nicht oder einfach nur ein Blick und ein Lächeln getauscht wird. „Blaue Wattejacken“ ist schon lange nicht mehr.
Turfan – 150 Meter unter dem Meeresspiegel, 48 Grad bei der Ankunft, auf den ersten Blick eine trostlose Ansammlung einfallsloser Architektur auf der China Road 312. Eine halbe Million Uiguren und Chinesen leben hier. Am späten Nachmittag, lässt die Hitze nach, das Leben in den Straßen erwacht wieder (obwohl ich das Gefühl habe, die Chinesen machen nie Pause) und wir gehen auf einem der baumbestandenen Bürgersteige Richtung Basar. Die Luft brennt, ein einziges Gewusel. Eine der Hauptstraßen auf dem Weg dorthin wird völlig neu geteert, der Bürgersteig neu gepflastert, alles während der Verkehr weiterläuft, die Teermaschine bei der Arbeit bestaunt wird, Leute aus Geschäften kommen, deren Treppenstufen gerade neu gelegt werden. Es wird eigentlich überall und ständig gebaut.
Hello, do you speak English? Diesmal kein Kind, sondern ein Lehrer aus Turfan, der mich anspricht. Er ist neugierig, Englisch zu sprechen und etwas aus der Fremde zu erfahren, Ich muss keine vorsichtigen Fragen stellen, er erzählt sehr direkt über die harten Arbeitsbedingungen, das wenige Geld bei den meisten und über Tibet. „Wir haben doch gar kein Geld für die Olympiade“, fährt er fort. Ein Arbeiter verdient im Schnitt monatlich etwa das, was ich in 3 bis 4 Tagen auf der Reise auf den Kopp haue. „Wir lernen Englisch weil unsere technologische Entwicklung so langsam ist.” We want to catch up with the US - das ist hier die Orientierung, bin ich überrascht.
Den ganzen Tag über ziehen dunkle Wolken auf? Regen? Hier? Im Sommer in der Wüste? Abends ist es soweit: Schwefelgelbe Wolkenbeutel lassen auf Regen hoffen. Am Ende sind es nur wenige Tropfen, die ich abbekomme. Ein phantastischer Regenbogen spannt sich über Turfan, ich lasse das Essen stehen, die Passanten sind genau wie ich fasziniert von dieser Schönheit!
Trotzdem, ohne Wasser von weit her läuft hier gar nichts. Ein über 2000 Jahre, großenteils unterirdisches Bewässerungssystem sorgt bis auf den heutigen Tag dafür, dass die Rebstöcke rund um Turfan und auch die Bäume, die ganze Straßenzüge im Sommer schattig abdecken, genügend Wasser bekommen. Grabungstechnik und das System der über 2000 Kilometer Kanäle sind im Museum anschaulich dargestellt, unterirdische Gänge führen den Besucher in die Technik ein und zum Schluss „en directe“ in den Souvenirshop. Zentralasiatisches Disneyland!
Alle Sehenswürdigkeiten haben hier große Ähnlichkeiten – das beginnt bei den Einlassgittern, die sind nagelneu und sind alle vom gleichen Herstelle, den riesigen Souvenirshops - und endet bei der Vermutung, die Uiguren machen die Show und die Han-Chinesen das Geschäft.
Jiahoe, von Dschingis Khan im 13. Jahrhundert erobert, Ruinen auf einem Felsplateau, wir wandern durch skurrile Sandsteinformationen, froh, endlich dem plärrenden Lautsprecher der chinesischen Reiseleiterin entkommen zu sein, die ihre Gruppe unablässig mit Informationen zudröhnt. Interessante Souvenirs gibt’s auch – wer seinen Tee in Zukunft in Erinnerung an vergangene Zeiten schlürfen möchte, kann die Teebeutel in eine Kanne mit den Konterfeis von Mao und Tschou En Lai gleiten lassen, ermutigende Parolen darunter inklusive, alles zum Preis von 6 Euro.
Nachdem wir uns nun auch sicher sein können, in der Wüste Gobi zu sein, der schwarzen Gobi nämlich (wegen der Farbe des Gerölls so genannt),  steigt die Aufmerksamkeit für diesen Teil der Tagesetappen auch noch einmal.
Diese Fahrtage sind überhaupt sehr relaxed, bei der Beschreibung des Reisegefühls bekommt der Leser vielleicht den Eindruck, hier wird ein Werbetext für die Vorzüge des Busreisens entworfen. Im Bus ist soviel Platz, dass ich den Platz auch mal wechseln kann, um mit anderen Reisenden zu quatschen, hinten an einem der Tische meinen Laptop zu laden oder Postkarten zu schreiben. Der superbequeme Sitzabstand lässt mich entspannt durch den Mittag dösen, während draußen das Tien-Shan-Gebirge vorüberzieht. Ich stoße auf Reiseführer und andere spannende Bücher über China – die liegen alle in einer großen Bücherkiste am Mitteleingang. Es ist schön, Zeit zu haben. Es gibt einfach keinen Reisestress, immer mal wieder Musik oder eine Arte Reportage über Xinjiang.
Der knallrote Setra Luxusbus hat Wohnzimmercharakter.
Selbst von Provinzpolizisten willkürlich verhängte Zwangspausen an einer der zahlreichen Mautstellen bringen uns nicht mehr aus der Ruhe. Ansonsten gibt es immer nur eine Richtung: Nach Osten!
Wolfram Goslich
Fotos von Wolfram Goslich (www.busconcept.de)





























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